NACHTGEDANKEN

Nirgendwo


Alles geht blitzschnell. Der Berg schiebt sich hinter den Nebel. Wolkenfetzen verdichten sich zu bedrohlichen Gebilden. Es wird dunkel. Wind strömt mir entgegen, als wolle er mich vom Weiterlaufen abhalten. Plötzlich ist da nur noch Regen. Alle meine Kleider sind bereits durchnässt. Bei jedem Schritt macht das aus den Schuhen austretende Wasser ein pflatschendes Geräusch.


Trotz Regen heitert meine Stimmung auf. Ich entdecke einen Wendeplatz im Nirgendwo. Anfang und Ende einer Buslinie. Die Fahrplantafel in dieser menschenleeren Gegend verspricht eine Verbindung zum Bahnhof. Es ist einer jener Zufälle, der mich an Zufällen zweifeln lässt.


Schon spiegeln sich Scheinwerfer auf der nassen Fahrbahn. Bus Nummer 6 fährt direkt auf mich zu. Er bleibt unmittelbar neben mir stehen. Ein Zischen begleitet das Öffnen der Türe. 

Der Chauffeur dreht den Kopf. Trotz Regen trägt er Sonnenbrille. Er verzieht keine Miene. Ich nenne das Ziel, er den Preis. Mit meiner letzten Münze bringe ich den geforderten Betrag zusammen. 


Ein Bus ganz für mich alleine. Freie Sitzplatzwahl. Selbst meine Tasche hat einen eigenen Platz. Der Dieselmotor lässt die Sitze vibrieren. Rückenmassage. Ich geniesse die Fahrt während das Wetter über die Landschaft wütet.


Erst als sich erste Häuser neben die Strasse stellen, stossen weitere regenschutzsuchende Reisende dazu. Maximal voneinander entfernt verteilen sie sich auf die Sitze. Eine aus purer Schönheit geformte Frau zieht mitten im Gang ihren nassen Pullover aus. Ich entdecke die Sonnenbrille im Rückspiegel. Schon schaukelt der Bus der Stadt entgegen.


Blinkend setzt sich Bus Nummer 6 neben die Haltestelle eines Wohnquartiers. Er neigt sich leicht zur Seite, so als würde er einen Höflichkeitsknicks machen. Zahllose Menschen umstellen das zu klein geratene Bushäuschen. Der Regen lässt ihre Köpfe hängen.


 Das Gefährt füllt sich. Ich packe meine Tasche auf die Knie. Trotzdem hoffe ich, dass der Platz neben mir leer bleibt. Schon türmt sich ein kleiderschrankgrosser Mann grusslos auf den Sitz. Es ist unmöglich den Hünen nicht zu berühren. Deutlich höre ich seine von den Ohrmuscheln gedämpfte Kopfhörermusik. Der Menschenstrom reisst nicht ab. Kinderwagen und Schülerscharen schieben sich hinein. Zuletzt verschluckt der Bus eine ganze Rekrutenschule auf Wochenendurlaub. Sämtliche Sitz- und Stehplätze sind nun belegt.


Alle Köpfe ruckeln bei Anfahrt synchrongenau im Takt. Alle Passagiere bewegen sich mit anderem Ziel in die gleiche Richtung. Der brechend volle Bus eilt durch die Strassen. Einzelne Menschen faszinieren. Menschenmassen irritieren. Individuen sind mir näher, wenn sie weiter weg sind. Bus Nummer 6 fährt an überbelegten Haltestationen vorbei. Grimmige Gesichter unter Schirmen blicken uns nach.


Verworrenes Geschwafel schwirrt durch die immer dicker werdende Luft. Wehrlos bin ich dem Geschwätz der beiden Vorderfrauen ausgesetzt. Ihre Konversation ist der Prototyp von Belanglosigkeit. Mein Nebenmann schläft. Sein bulliger Schädel droht bei jeder Kurve auf meinen zu schlagen. Die automatische Busdurchsage versichert mir, dass der Bahnhof noch weit entfernt ist. 


Der Befreiungsschlag erfolgt sehr viel später. In allerlei Regenjacken gehüllt entsteigen bunte Menschen dem Bus beim Bahnhof. Bevor ich draussen bin, drängen andere schon wieder hinein.
Wieder seh ich den Chauffeur. Er hilft der Schönheit mit dem Gepäck. Tropfen auf der Sonnenbrille. Noch immer giesst Gewalt vom Himmel. Ich trete hinaus.


Der Zufall blinkt, schliesst die Türen und fährt ohne mich weiter.

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