NACHTGEDANKEN

Der Balkon


Auf dem weissen Klapptisch liegen leere Bierdosen. Darunter lagern Müllsäcke. Ein klappriger Stuhl steht in einer Ecke. In der anderen kauert eine immergrüne Pflanze am Boden. Sie hat den letzten Winter überlebt. Immer, wenn ich ans Fenster trete, sehe ich hinüber auf diesen Balkon. Er schmiegt sich ans alte Gemäuer des stilvollen Mehrfamilienhauses.


Der Nachbar im Nebenhaus ist fast immer daheim. Ununterbrochen flackert abends das blaue Fernsehlicht. Selten zieht er die Vorhänge zu. Ich kenne diese dunklen Fertigvorhänge. Hatte ich selbst einmal. Früher. Ganz früher.
Er ist jung. Vielleicht so um die zwanzig Jahre alt. Nicht älter. Manchmal leuchtet sein Gesicht rot auf, wenn er auf dem Balkon an einer Zigarette zieht. Er kann von dort aus auch in meine Wohnung sehen. Doch meistens verbergen mich meine transparenten Sichtvorhänge. Wenn er mich doch bemerkt, täusche ich ihn mit einer Bewegung. Ich tue so, als wäre ich eben erst ans Fenster getreten.


Meist seh ich nur seine Silhouette. Oft verschmilzt sie mit dem schwarzen Ledersofa, von dem aus er fernsieht. In den hinteren Räumen lässt er immer das Licht brennen. Mir ist, als sähe ich in ein beleuchtetes Puppenhaus, das von einer Schattengestalt bewohnt wird. Nie hat er Besuch. Jedenfalls habe ich noch keine andere Silhouette in seiner Wohnung gesehen. Hinter dem Balkon erstreckt sich die Stube, daneben liegt die Küche. Wenn er den Kühlschrank öffnet, wandelt das weisse Licht. Er koch nie. Beim hinteren Küchenfenster stapeln sich flache Schachteln. Verpackungen, wie sie Pizzakuriere benutzen. Immer isst er alleine, begleitet von seinem Fernseher.


Ich weiss nicht, was er arbeitet. Irgendetwas das ihm abends erlaubt lange fernzusehen. Keine Ahnung, wie er heisst. Es muss einer der Namen an den Klingelschildern des gegenüberliegenden Gebäudes sein. Noch nie habe ich mit ihm gesprochen. Ich bin ihm noch nicht einmal auf der Strasse begegnet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn sofort wiedererkennen würde. Am ehesten abends bei schwachem Licht.


Eben bin ich wieder ans Fenster getreten. Ich traue meinen Augen nicht. Alles ist anders. Der rostige Tisch ist verschwunden. Die Bierdosen auch. Selbst der Müll ist weg. Jetzt steht da ein schöner schmiedeeiserner Tisch. Filigrane Muster zieren auch die beiden Stühle, die sich links und rechts unter der Tischplatte begegnen. Anstelle der Fertigvorhänge hängen da neue. Rosarot. Mit Mustern. Vielleicht sind die Vorhänge auch violett. Ich kann es nicht genau erkennen. Das Licht sowie der Fernseher sind aus. In der Stube brennen Kerzen.


Zum ersten Mal erkenne ich eine zweite Silhouette in der Wohnung. Sie sitzt umschlungen mit der mir bekannten Schattengestalt auf dem Sofa. Scherenschnittartige Dunkelheit in Form von zwei Weingläsern erhebt sich vom Fernsehtisch. Dann glimmt Glut auf. Auch sie ist jung. Auch sie raucht.


 Heute wird es ungewohnt früh dunkel in der Wohnung. Nur etwas ist hinter dem Scheibenglas zu erkennen. Die immergrüne Pflanze blickt durchs Fenster direkt in meine Wohnung. Ich ziehe meine Vorhänge zu, bringe die Scheiben zum Schweigen. Was sollen die Nachbarn sonst bloss von mir denken?

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